| Die finalen Auditions haben am 11. Oktober begonnen, die Premiere ist am 6. März 2005. | „Elisabeth“ in Stuttgart Aktualisiert: zurück |
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Fetzige Hochglanz-Broadway-Show wird von herzergreifendem DramaMusical ausgebootet
Die Stuttgarter Premiere von „Elisabeth“ findet am 6. März 2005 im Apollo Theater statt. - Am 31. Dezember ist die letzte Vorstellung von „42nd Street“ |
![]() „Boote in der Nacht“ werden die rasanten Stepptänzerinnen, die jetzt noch täglich über die Bühne des Apollo Theaters in Stuttgart brettern, in Kürze ausbooten. Klar, in der Donaumonarchie befindet man sich auf schwankendem Boden und darauf tanzt es sich bestimmt nicht so gut. In „Elisabeth“, der Nachfolgeproduktion von „42nd Street“, werden vermutlich die Todestänzer, von Meister Dennis Callahan gründlich instruiert, wie andernorts in seinen Choreografien ebenfalls ruckend und zuckend die Bühne bevölkern. Wer über dieses Stück bisher tatsächlich noch nichts oder nicht viel wusste, wurde jetzt bei einer Pressekonferenz anlässlich der Final Auditions von Erfolgsautor Michael Kunze, seinem Komponistenpartner Sylvester Levay und dem Regisseur Eddy Habbema gründlich gebrieft. ![]() Man habe sich nach der großen Broadway-Show wieder ein großes Musical vorgenommen, sich aber allerdings dieses Mal für ein „dramatisches, emotionales Stück“ entschieden, meint Apollo-Geschäftsführer Jan Verveer. „Elisabeth“ gelte, gemessen an den bisher weltweit erreichten Zuschauerzahlen, als das erfolgreichste Musical aus dem deutschen Sprachraum, ergänzt Michael Kunze. Schon am 3. September 1992 war „Elisabeth“ in der Produktion der VBW in Wien zum allerersten Mal über die Bühne gegangen, und ist dort bis heute wieder und wieder in den Spielplan aufgenommen worden. Im März 2001 hatte die Stage Holding, die auch das Apollo Theater betreibt, das erfolgreiche Stück in einer eigenen Version ins Colosseum nach Essen gebracht. Dort habe „Elisabeth“ vor allem regionales Interesse gefunden, heißt es. Für Stuttgart erhoffe man sich eine überregionale Wirkung und einen besonderen Boom. Hoffentlich hat man in diese Überlegung die Tatsache mit einbezogen, dass schließlich unzählige Musicalfans immer wieder nach Wien und später natürlich auch nach Essen gefahren sind. Es geht also in Stuttgart ganz klar darum, zusätzlich zu den alten Fans noch ein neues, quasi jungfräuliches „Elisabeth“-Publikum aus einem möglichst großen Einzugsgebiet zu gewinnen. ![]() Die letzten Tage des aufwendigen Castings für die Show haben am 11. Oktober mit dem Recall begonnen. Über 1000 Künstler waren bis dahin in Augenschein genommen worden, durften vorsingen und vortanzen, und am Montag waren immer noch etwa 120 Leute im Rennen. Dabei gehe es nicht nur darum, die Hauptrollen neu und adäquat zu besetzen, sondern ein 37köpfiges Ensemble aus jungen Tänzern und Sängern zusammenzustellen, die dem anspruchsvollen Stück gewachsen sind. Für die Rolle der Kaiserin Elisabeth brauche man überdies „eine junge Frau mit alter Seele“, denn sie muss sowohl die 16-jährige Herzogstochter als auch die Kaiserin im Alter von 60 Jahren glaubhaft über die Rampe bringen können. Das alles heißt aber wahrscheinlich nicht, dass wir in Stuttgart nicht doch einige der altbekannten Gesichter wieder sehen werden. Autor Michael Kunze prägte schon in den 90ern den Begriff DramaMusical, denn er will, wie er erklärt, seine Werke klar von der US-amerikanischen Musical Comedy unterschieden wissen. Eigentlich hasse er die Bezeichnung Musical für sein Werk, aber die Begriffe Pop- oder Rock-Oper gefallen ihm auch nicht, da das Wort Oper ganz anders, nämlich klassisch oder avantgardistisch besetzt sei. Außerdem stehe bei Operette und Oper die Musik im Vordergrund, beim DramaMusical aber die Verdeutlichung der Handlung. Mit dem Sissi-Stoff, wie er in den Filmen der 50er-Jahre verarbeitet wurde, hat Kunzes „Elisabeth“ also nichts am Hut, ansonsten hätte er ja auch den Text für eine Operette geschrieben. Die Story seines Dramas fange, wie er sagt, eigentlich erst nach den Jugendjahren der Kaiserin an. Wer das Musical schon gesehen hat, weiß allerdings, dass es sehr wohl Überschneidungen mit der Handlung der Sissi-Filme gibt, wenn sie auch bei Kunze anders dargestellt werden. So ist im Musical die erst 16 Jahre alte Sissi schon zu Beginn des Stücks ziemlich frustriert. Doch das gewohnte, ziemlich kitschige Sissi-Bild hat bestimmt auch die jüngere Generation erreicht. Schließlich werden die alten Filme im Fernsehen häufig genug wiederholt. Mancher Zuschauer sieht also auch im Musical wohl immer noch die junge Kaiserin der Filmtrilogie, sprich die bezaubernde Romy Schneider, auch wenn das vom Autor nicht so gewollt ist. Aber schließlich wird ja auch auf der Musicalbühne wenigstens in der Wiener Produktion - Franz Xaver Winterhalters berühmtes Gemälde der Kaiserin mit den Sternen im Haar nachgestellt. Da zudem die Rolle im allgemeinen eben doch durch Sängerinnen übernommen wird, die ziemlich jung sind, wird das Verständnis dessen, was Kunze eigentlich sagen will, auch nicht einfacher. Und so kommt es wohl dazu, dass laut Kunze „Elisabeth“ das wohl „am meisten missverstandene Musical“ geworden ist. Kunzes Elisabeth wird ganz schnell zur Frau, die sich gegen die Zwänge des Wiener Hofs und die Vorstellungen ihres von seiner Mutter getriebenen Mannes stellt. Es gelingt ihr zwar, sich zu befreien, doch sie muss die Folgen ihrer Emanzipation tragen. Sie macht Fehler und vernachlässigt ihre Pflichten, vor allem gegenüber ihren Kindern. Neben dieser „Antinomie von Freiheit und Verantwortung“ sieht Kunze einen zweiten, allerdings nicht ganz neuen Leitgedanken, nämlich das Thema „Liebe und Tod“. Dass „Elisabeth sich sehnte, zu sterben“, sei vor allem durch die Schriften und Gedichte der Kaiserin eindeutig nachgewiesen - erstaunlicherweise wird die österreichische Kaiserin trotzdem 60 Jahre alt. Elisabeths Todessehnsucht veranlasste Kunze, den Tod auf der Bühne zu personifizieren, allerdings nicht als Sensenmann. Vielmehr ist der Tod bei ihm ganz zeitgemäß ein „Popstar“. Die „verlockende erotische Vision des Todes“ habe etwas Göttliches und der Tod werde so zum Idol, allerdings zu einem mit ziemlich unlauteren Absichten. Er will nicht nur Elisabeth zerstören, sondern gleich das Ende des Habsburger Hauses heraufbeschwören. Als Handlanger benutze der Tod den Anarchisten Lucheni, der den „Terroristen par excellence“ verkörpere. Dieser dramaturgische Dreh hole das Thema in die Aktualität, also ins 20./21. Jahrhundert zurück. Lucheni stamme somit quasi aus unserer Zeit und transportiere durch seinen Rückblick die alte Geschichte des Mordes an der Kaiserin in die Jetztzeit. Und er erzähle in dem Musical die Ereignisse am Wiener Hof, obwohl er Elisabeth überhaupt nicht verstehe. Am Ende bleibe also nach wie vor das Rätsel „Wer war Elisabeth wirklich?“ bestehen. Ein letzter Hinweis Kunzes, dass es sich letztlich auch bei seinem Handlungsreigen um die österreichische Kaiserin um eine Form der „klassischen Dreiecksgeschichte“ handle, zieht den bedeutungsschwangeren Stoff allerdings wieder mehr ins Triviale: Elisabeth liebt den Tod, der Kaiser liebt Elisabeth. Allerdings liebt der Tod naturgemäß alle, und holt sich als Ersatz für die Kaiserin beizeiten ihren Sohn Rudolf. Kunze führt noch ergänzend aus, dass Elisabeth, die seltsame Frau (übrigens der Titel eines Buches von Egon Caesar Conte Corti), die Bewunderung vieler bedeutender Leute gehabt habe, und zählt Theodor Fontane, Mark Twain und Stefan George auf. Zur Charakterisierung der von ihm geschaffenen Bühnenfigur erwähnt er auch noch, Elisabeth habe sich, ähnlich wie Greta Garbo, ab einer gewissen Zeit nicht mehr fotografieren lassen. Will sagen, dass sie wohl den Mythos einer ewig schönen Frau nicht zerstören lassen wollte. Fast zwingend ergibt sich hierdurch zumindest die Berechtigung, die Rolle der Kaiserin doch einer jungen Darstellerin anzuvertrauen. Sylvester Levay, der nicht nur die Musik zu Kunzes Text komponiert, sondern, was im Entertainmentgeschäft durchaus nicht der Normalfall ist, auch die Arrangements für Orchester und Chor verfasst hat, ist zwar Ungar, stammt aber mütterlicherseits aus Baden-Württemberg, was für ihn eine zusätzliche Affinität zu Stuttgart bedeutet. Er sagt, er habe für das „Spiel in der Gegenwart“ zeitgenössische, für die „alte Welt“ eher klassische musikalische Elemente zu einer Einheit verbunden. Im Übrigen werde an dem Stück immer wieder gefeilt. So sei beispielsweise für die Essener Version vor drei Jahren ein neues Duett für Elisabeth und den Tod entstanden. Unklar ist, ob für die kommende Produktion noch weitere musikalische oder textliche Änderungen und Ergänzungen zu erwarten sind. Einig waren die Macher sich jedoch wohl in dem aufschlussreichen Statement, dass erst in Stuttgart die „richtige deutsche Premiere“ stattfinden werde. Regisseur Eddy Habbema sprach von den Anforderungen, die das Musical an die Inszenierung stelle, „ein tiefes Wasser für den Regisseur“, er sprach von einem „Weltuntergang“, der zu inszenieren sei. Und man arbeite an einem „lebendigen Theater“. Damit meinte er wohl, dass eine ständige Teamarbeit mit den Autoren, wie sie in den USA üblich ist, stattfindet. In den nächsten zwei Tagen werde sich die Premiere entscheiden, nämlich dann, wenn man für das 37köpfige Ensemble die richtigen Künstler gefunden habe. Gespannt darf man also Stuttgarts „Elisabeth“ erwarten und hoffen, dass sie zu einer ganz besonderen Variante des allseits beliebten Musicals wird. Michael Kunze wird am 6. März sicher gerne wieder in die Stadt kommen, in der er fünf Jahre lang die Schulbank gedrückt hat. Bonjour Tristesse. 12. Oktober 2004 Ein weiterer Kommentar über das Musical „Elisabeth“ findet sich im Bericht über eine Wiener Vorstellung mit Nachwuchsstar Nadine Hammer im November letzten Jahres. |